Freitag, 29. Mai 2020

Rucki-zucki Ritual

Was tut man, wenn die Playlist zu Ende ist, in der Inhalette aber noch ein Rest Antibiotikum ist,  der noch nicht vernebelt wurde? 

Ich hatte keinen konkreten Plan.

Eher ein Bauchgefühl.

Weil ich wusste, ich muss mit Nina noch ein klein wenig länger inhalieren, aber irgendwie anders jetzt als der Ablauf vorher. 
 
Ich habe Nina zurück auf meinen Schoss gezogen. Noch mal das Inhaliergerät gestartet und angefangen zu zählen.

Es funktionierte.

Bei der nächsten Rutsche am nächsten Morgen lief alles nach Plan. 
Das Antibiotikum im Vernebler war pünktlich zum Ende der Playlist aufgebraucht. 

Also alles ausschalten, laut "wir sind fertig" sagen und alles abbauen. 
So dachte ich. 

Plötzlich fängt Nina an zu kichern, klettert wieder auf meinen Schoss, startet den Pari-Boy und fasst, immer noch lachend, an meinen Mund. 

Ich war verblüfft. 
Aber ich verstand. 

Ich zählte einmal kurz bis zehn. 

Dann war alles gut. 

Und ein neues Ritual war entstanden. 
Aus der Not heraus, das getan was notwendig war , was meiner Tochter gefiel und was nun ein neues Ritual ist. 

Da muss ich jetzt durch. 





 




Donnerstag, 28. Mai 2020

Neue Hausaufgaben und ein Jubelschrei

Ninas Logopädin gibt uns regelmäßig Hausaufgaben. 

Ich finde das großartig, denn so können wir an zwei "Fronten" an einem Thema arbeiten. 

Auch nach dem letzten Besuch hatte ich einen Zettel mit Notizen dabei und eine Reihe von Ideen wie ich künftig mit Nina an diesen Teilbereichen arbeiten möchte. 

Aber das war nur ein Nebenschauplatz. 

Zu Beginn und zum Ende jeder Stunde wird ein Vers aufgesagt.

 Mit vielen unterstützenden Gesten. 

Gebannt zugeschaut hat meine Tochter schon immer. 

Aber jetzt hat sie wirklich und wahrhaftig einige Gesten zum Teil und dann eine Geste komplett mitgemacht.
 
Ich habe gefühlt nicht nur die ganze Praxis sondern die ganze Etage zusammen geschrien. 

Ich habe mich über Ninas Leistung gefreut, Nina sich darüber das ich mich gefreut habe und die Logopädin hat sich mit uns mitgefreut. 

Wie wunderbar. 

Akrobatin?

Nach drei Monaten Pause stand Anfang der Woche wieder ein Hausbesuch der Physiotherapeutin auf dem Plan.

Gut vorbereitet habe ich ihn. Rote Matte hingelegt, verbal und visuell angekündigt das die Physiotherapeutin gleich kommt, sowie die Bildkarten der einzelnen Körperhaltungen wie "Schraube", "Drehdehnlage" und so weiter ausgebreitet.

Dann klingelte es. Nina sah die Physiotherapeutin und das von mir erwartete Theater blieb aus.

Im Gegenteil, sie grinste sprintete zur Matte und hat vorbildlich mitgearbeitet. 

Die Beweglichkeit die sich in den einzelnen Haltungen zeigte war gigantisch. 
Wie eine Akrobatin. 
 

Ellie und ANTON

Nein, Ellie und ANTON sind keine neuen Freunde von Nina. 

Jedenfalls sind es keine Menschen. 

Aber beide gehören mittlerweile in Ninas Tag, wie ihre Zahnbürste und das tägliche Inhalieren. 

Ellies vollständiger Name ist Ellie Grip und ist ein von Therapeuten entwickelter Elefanten-Handschuh, bei dem außer dem Daumen und dem Zeigefinger alle anderen Finger im Handschuh bleiben. So kann der Dreipunktgriff geübt werden.  


ANTON ist eine Lern-App mit der sie seit einigen Wochen täglich Buchstaben und Zahlen schreiben üben kann. 
ANTON ist kostenfrei, ohne Werbung und wird EFRE-Fonds der Europäischen Union kofinanziert.  
Ein tolles Programm, mit dem ihre Schule arbeitet und die auch ansonsten durch die Abwesenheit von Werbung sehr angenehm ist und sehr klar in Aufbau und Feedback ist. Einfach nur großartig. 

Beide Sachen. Ellie und ANTON. 


Hospitation einmal umgekehrt

Gute Vorbereitung ist oft das A und O um für ein autistisches Kind den Weg zu ebnen. 

Ich habe mir schon viele Orte für Nina angesehen. Hospitiert eben. 

Umso schräger, wenn dann plötzlich bei einem selbst hospitiert wird. 

Sprich wenn sich eine der Lehrerinnen deines Kindes bei dir zu Hause einfindet, um zu schauen wie du das machst mit dem Unterricht zu Hause. 

Obwohl ich durch die Haustrainings im AVT einige Übung darin habe mit Nina zu lernen während uns genau auf die Finger geschaut wird, war ich doch nervös. 

Völlig unnötig wie sich gezeigt hat, denn Nina ist in einem Tempo durch alle Aufgaben marschiert die ihresgleichen sucht. 

Denn sie hatte noch ein Ziel das am Beginn nicht ersichtlich war. 
Gleich nachdem wir fertig waren mit unserem Programm, flitzt sie zur Tasche und Jacke ihrer Lehrerin, brachte sie ihr und wollte sie zur Tür begleiten. 

Demnach war es ok für sie, das die Lehrerin da war.....aber eben nur so lange wie das Lernen dauerte. 
Danach bitte wieder Sachen packen und raus. 

Sie weiß eben was sie will . Und das ganz genau. 




Dienstag, 26. Mai 2020

Rote Hose, blaue Hose

Rote Pluderhose mit Blumen.


Blaue Pluderhose mit Blumen. 

Bis auf die Farbe kein wirklicher Unterschied auszumachen.

Die rote Hose hatte Nina ein paar Tage angehabt und sie war in der Wäschetonne gelandet. 

Nachmittags wollte sie Wäsche waschen und war fleißig dabei die Wäsche aus der Tonne in die Maschine zu befördern. 

Soweit so gut. 

Plötzlich flitzt sie an mir vorbei. 

Keine Hose an den Beinen, aber eine in der Hand. 

Ich musste zwei Mal hinschauen, bis ich erkannt habe, dass es nicht die blaue, sondern die rote aus der Wäschetonne war. 

Bis ich mein Erstaunen verarbeitet hatte, hatte sie sich schon längst auf den Boden gesetzt und die rote Hose angezogen. Wenn sie motiviert ist, dann geht das ratzfatz. 

Nun wieder die Zwickmühle. Das ganze rückgängig machen oder zulassen? 

Abwägen. Ok - was solls. Dann eben noch einen Nachmittag länger in der roten Hose. 

Ich lasse ihr viel durchgehen - absolut. 

Sie weiß was sie will - absolut. 

Damit kann ich durchaus leben. 

Bekannte Person, falsche Umgebung

In der vergangenen Woche habe wir wieder Besuch von einer Lehrerin von Nina bekommen.

Es gab neues Lernmaterial.

Der Unterschied zu den Wochen davor: die Lehrerin blieb nicht vor der Tür und übergab das Paket, sondern kam mit in unsere Wohnung. 

Von jetzt auf gleich war Nina nicht wieder zu erkennen. 

Dabei hat sie ihre Lehrerin erkannt, da bin ich mir sehr sicher. Zumal wir vorher noch die Karten mit den Gesichtern der Lehrer angeschaut und benannt haben. 

Aber mein Kind fing an zu weinen, krabbelt auf meinen Schoß, klammerte sich an meinen Hals und war teilweise so laut verzweifelt, dass ein einigermaßen gutes Gespräch mit der Lehrerin nicht möglich war. 

Dabei hätte ich das ganze erahnen können. 

Um es auf einen einfachen Nenner zu bringen: bekannte Person, falsche Umgebung. 

Die Lehrerin gehörte nicht nach Hause. Die gehört in die Schule. 

Das ist nicht so wie immer. Also ist Alarmstufe rot. 

Die endete sofort als ich angekündigt habe "jetzt sagen wir Tschüß" und den Weg zur Tür eingeschlagen habe. Die Tür war geschlossen und mein Kind war wie vorher. Gelassen und fröhlich. 

Dasselbe haben wir erlebt, als die Physiotherapeutin nach langer Zeit in der Praxis ihren ersten Hausbesuch machen musste. 
Nina war beim ersten Besuch untröstlich und kaum zur Mitarbeit zu bewegen. 
Aber nur beim ersten Mal. Von Besuch zu Besuch nahm der Widerstand ab. 

Untermauern kann man diese Vermutungen noch mit dem Besuch unseres Vermieters. Den hat sie auch nur wenige Male ganz kurz gesehen und als er letztens in unserer Wohnung stand, wollte sie zwar nach einer Weile auch, das er wieder geht, aber außer einem auf die Tür deuten und einem Winke-Winke in seine Richtung war alles im grünen Bereich.